Volatilität, VIX und Monsterwellen

Monsterwellen
Die von Nassim Taleb in das allgemeine Bewusstsein gebrachten Schwarzen Schwäne gibt es auch im Bereich der Seefahrt: Dort werden sie Monsterwellen oder auch Kaventsmänner genannt. © Amanda Carden / Shutterstock

I. Volatilität

Wertpapiere, die mehr schwanken, weisen ein größeres Risiko auf als Wertpapiere, die weniger schwanken. Grundsätzlich gilt: Bei gleichem Ertrag ist dem Wertpapier mit der geringeren Schwankung der Vorzug zu geben. Das am weitesten verbreitete Maß zur Messung der Schwankungen von Wertpapieren ist die Volatilität. Diese wird aus historischen Börsenkursen errechnet. Andere Einflussgrößen werden nicht berücksichtigt. Ein häufig verwendeter Zeitraum zur Berechnung der Volatilität sind drei Jahre.

Die Anhänger der Effizienzmarkthypothese sind der Auffassung, dass die Volatilität eines Wertpapiers völlig ausreicht, um dessen Risiko zu beurteilen. Denn entsprechend der Effizienzmarkthypothese sind zu jedem Zeitpunkt alle verfügbaren Informationen in die Kursbildung eingeflossen. Informationsvorsprünge einzelner Investoren kann es nach dieser Theorie nicht geben.

Nobelpreisträger Eugene Fama als bekanntester Vertreter der Effizienzmarkthypothese empfiehlt dementsprechend ausschließlich in passive Anlagen zu investieren und dabei zu berücksichtigen, welche Volatilität diese Anlagen aufweisen, um dadurch die Anlage mit den Präferenzen des Anlegers abzustimmen.

II. VIX

Der bekannteste Volatilitätsindex mit der Kurzbezeichnung VIX wird von der Optionsbörse in Chicago berechnet. Der auch als „Angstbarometer“ bezeichnete Index wird manchmal auch als Absicherung eingesetzt und ist ein beliebtes Anlageobjekt bei professionellen Anlegern. Das liegt aber wohl weniger an den Absicherungseffekten, sondern eher daran, dass es fast keine andere Anlage gibt, bei der Kurszuwächse von 50 % am Tag möglich sind. In sehr vielen Fällen handelt es sich beim Kauf weniger um Absicherung. sondern um reine Zockerei.

Beim VIX ist es zu einer auch im langjährigen Vergleich außergewöhnlichen Entwicklung gekommen. Der Index fiel im Sommer dieses Jahres immer wieder auf neue historische Tiefstände.

VIX-Index
Der VIX-Index, das „Angstbarometer“ der Wall Street, sank auf das niedrigste Niveau seit 1993. © FT.com

Als Grund hierfür sehen viele Investoren die Geldschwemme der Notenbanken, die zu einer massiven künstlichen Verzerrung aller Vermögenspreise geführt hat. Dies hat den Effekt, dass die Aussagekraft reiner Volatilitätsbetrachtungen beim Risikomanagement abnimmt.

Der erfolgreiche US-Investor Howard Marks, Mitgründer von Oaktree, selbst Milliardär und Verfasser lesenswerter Bücher und Kommentare, sagt dazu: „Valuations are not cheap“. Er sagt nicht, dass deshalb alle Aktien sofort verkauft werden sollten. Aber Vorsicht sei angebracht. Um es mit unseren Worten zu sagen: aktives Sicherheitsmanagement. Das schließt nach Marks ganz besonders die Erkenntnisse der Behavioral Finance mit ein. Schauen Sie sich einfach das absolut sehenswerte Interview auf CNBC dazu an.

Jeffrey Gundlach, an dessen Fonds Doubleline Marks auch beteiligt ist, geht noch einen Schritt weiter und prognostiziert, dass noch in diesem Jahr die derzeit niedrigen Schwankungen von einer Phase mit viel höherer Volatilität abgelöst werden. Wer weiß, ob es so kommt, aber eine Möglichkeit ist es allemal.

III. Monsterwellen

Die von Nassim Taleb in das allgemeine Bewusstsein gebrachten Schwarzen Schwäne gibt es auch im Bereich der Seefahrt: Dort werden sie Monsterwellen oder auch Kaventsmänner genannt. Noch vor wenigen Jahren wurde die Häufigkeit und Größe dieser Monsterwellen systematisch unterschätzt. „Monsterwellen sind Seemannsgarn, davon erzählen Matrosen am Kamin“, wurde fälschlicherweise angenommen.

Satellitendaten und Videoaufzeichnungen veränderten die Einschätzung des Sachverhaltes vollständig. Heute weiß man, dass hunderte Totalverluste von Schiffen nur durch Monsterwellen erklärt werden können. Die Konstruktion der Schiffe wurde verändert, Fahrtgebiete mit besonderer Häufung von Monsterwellen wurden identifiziert und Verhaltensregeln für Kapitäne dafür aufgestellt, was im Falle der Begegnung mit einer Monsterwelle zu tun ist.

IV. Börsencrashs sind auch nichts anderes als Monsterwellen

Die heute in der Seefahrt üblichen Vorsichtsmaßnahmen sind an der Börse derzeit nicht en vogue. Der Mainstream glaubt an die Vorhersagen der Effizienzmarkthypothese: „Keiner weiß mehr als der Markt“, und zusätzlich wird dann noch behauptet, dass aktive Risikovermeidung im Ergebnis ohnehin unmöglich sei.

Das Mantra lautet in der Sprache des Immobilienmarktes etwa so: „Kaufen Sie den Markt. Das sind im Falle des DAX-Index die dreißig teuersten Immobilien, die am häufigsten ge- und verkauft werden.“ Ich habe noch keinen Immobilieninvestor getroffen, der so eine Vorgehensweise ernsthaft empfiehlt. Der Ratschlag: „Kaufen Sie einfach den Index“ ist aber genau das.

Nur wenige Investoren machen sich klar, dass die in den letzten Jahren beobachtbaren Vorteile passiven Investierens möglicherweise nur ein weiterer Nebeneffekt der durch die Notenbanken herbeigeführten Geldschwemme sind. Als unangenehme Begleiterscheinung kommt das Verlernen des aktiven Anlegens gerade dann besonders teuer zu stehen, wenn die Schiffskapellen in FED und EZB – aus welchen Gründen auch immer – aufhören zu spielen, was die Investoren mögen.

Fragen Sie doch mal Anleiheinvestoren, was für Effekte es 2008 hatte, dass vor dem Crash die meisten Investoren einfach nur an die Fähigkeit der Ratingagenturen geglaubt haben, Risiken richtig einzuschätzen. Für die Interessenkonflikte der Ratingagenturen in diesem brutalen Spiel interessierten sich die meisten vorher nicht – es war ja so bequem – und nur wenige können heute erklären, was genau die Probleme waren. Menschliche Gier spielte eine große Rolle – bei den Ratingagenturen und den Investoren. Wir glauben nicht daran, dass Indexanbieter Portfolios zusammenstellen können (nichts anderes sind Indizes), die gut geeignet sind, Kapital zu erhalten, wenn die Schiffskapelle ihre letzten Lieder spielt.

Die Anhänger der Effizienzmarkthypothese behaupten, dieses Mal sei alles anders. Moderne Technik (Robo), überlegene Mathematik und Kostenvorteile hätten alles verändert und deshalb sei es das Beste, die Wettervorhersage zu ignorieren und sich darauf zu konzentrieren, das „Blaue Band“ (Trophäe für die schnellste Überquerung des Nordatlantiks) zu erhalten. Was können Eisberge dem besten Schiff der Welt schon anhaben? Hauptsache, die Anleger halten lange genug an der Anlage fest, dann kann nichts passieren. Was frühere Inhaber nicht mehr existierender Nemax50-Zertifikate oder Aktionäre der von Manfred Krug empfohlenen Telekom-Aktie dazu sagen, fragen Sie besser nicht.

Bloomberg bezeichnet das, was bereits war, als die „Drei Bären“: 34%, 49% und 57% betrugen die Abstürze! © bloomberg.com

Meine These lautet: Effizienzmarkthypothese, ETFs als Allheilmittel und das Bestreiten der Kursrelevanz der Psychologie des Menschen werden im Ergebnis enden wie die Titanic: als Thema eines Hollywood-Streifens. Für mich stellt sich eigentlich nur noch die Frage, ob Leonardo diCaprio nochmal ran muss oder ob ihm der ‚Pirat‘ Johnny Depp die Hauptrolle streitig macht. Ein Kassenschlager wird es auf jeden Fall, wenn dem Publikum im Kino erklärt wird, warum die Menschen sich nicht verändert haben, wenn es um Geld, Angst und Gier geht.

V. Was geht mich das an?

Dass Kapitalanlagen generell nicht preisgünstig sind, hat zur Folge, dass die Suche nach preiswerten Anlagen allein keinen ausreichenden Schutz bietet, wenn Sie Ihr Kapital erhalten wollen.

Als Anhänger der Effizienzmarkthypothese ist es einfach. Sie können ohnehin nichts machen und als einzig sinnvolle Anlagestrategie verbleibt Ihnen, alle Kapitalmarktanlagen möglichst bis zum Grabstein durchzuhalten, damit Sie oder Ihre Erben mit einer möglichst großen Wahrscheinlichkeit in die Nähe der Durchschnittsrenditen des Kapitalmarktes kommen.

Wenn Sie – so wie Howard Marks – zu den Anhängern der Behavioral Finance gehören, stellt sich der Sachverhalt völlig anders dar. Sie haben die Möglichkeit, Risiken und Chancen zu vergleichen und das Ergebnis dieser Vergleiche ist eben nicht immer gleich – ganz anders, als die Effizienzmarkthypothese es behauptet. Sie haben vielmehr die Möglichkeit, selbst ein aktives Sicherheitsmanagement durchzuführen oder Ihr Kapital Investoren anzuvertrauen, die diese Arbeit für Sie übernehmen.

Aktives Sicherheitsmanagement ist eine unternehmerische Aufgabe im Bereich der Kapitalanlage. Achten Sie deshalb darauf, wen Sie beauftragen. Bei angestellten Managern von Großkonzernen wissen Sie gar nicht, ob diese überhaupt in ihre eigenen Produkte investieren.

Erfolgreiche Kapitalanlage und das Vertreten unpopulärer Meinungen sind oftmals fast das Gleiche. Mit konzerninternen Karrierechancen verträgt sich das meist nicht besonders. Allerdings können Sie sicher sein, dass sich angepasstes Verhalten auf die Performance auswirkt – leider jedoch oft negativ.

VI. Verhalten in Krisensituationen

Bei der Auswahl von Fonds sollten Sie neben der Volatilität auch einen anderen Risikoaspekt berücksichtigen: Wie hat sich das jeweilige Finanzprodukt in einer Krisenphase verhalten? Das Verhalten bei größeren Marktturbulenzen ist teilweise ganz anders, als es Volatilitätskennzahlen erwarten lassen.

Die nachfolgende Grafik zeigt die Volatilität des Mellinckrodt-Fonds im Vergleich zum DAX-ETF von iShares und zum Deutschland-Aktienfonds der DWS. Letzterer weist im Vergleich zu DAX und Mellinckrodt im Dreijahreszeitraum die höchste Rendite auf, Mellinckrodt jedoch mit Abstand die geringste Volatilität von weniger als der Hälfte der beiden anderen.

Volatilität und Wertentwicklung im Vergleich (3 Jahre).
Volatilität und Wertentwicklung im Vergleich (3 Jahre).

Die zweite Grafik zeigt, wie stark der Kursverlust in der letzten Stressphase war. Im Zeitraum Dezember 2015 bis Februar 2016 fielen ETF und DWS-Fonds viermal so stark wie der Mellinckrodt-Fonds. Wenn Sie gerne Achterbahn fahren, kein Problem. Bei der DWS wurden Sie in den letzten drei Jahren ja mit 1,3 % Mehrrendite pro Jahr belohnt. Das passive Produkt ist leider durchgefallen, eine Mehrrendite gab es nicht.

In Krisenphasen zeigt sich: Aktives Sicherheitsmanagement schützt vor Kurseinbrüchen.
In Krisenphasen zeigt sich: Aktives Sicherheitsmanagement schützt vor Kurseinbrüchen. Die „halbe Volatilität“ gegenüber dem DAX entspricht in der beschriebenen Krisenphase einem Viertel an Wertverlust.

Der deutlich geringere Kursverlust des Mellinckrodt-Fonds ist das Ergebnis eines aktiven Sicherheitsmanagements, das besonderen Wert darauf legt, bei schwerer See die Verluste möglichst klein zu halten. Der Kursverlauf in 2017 bietet hierfür weiteres Anschauungsmaterial.

Aktives Sicherheitsmanagement ist ein wichtiger Zusatzbaustein. Er hilft, Ihr Vermögen auch bei schwerer See zu erhalten. Passiv den Kopf in den Sand zu stecken ist im realen Leben genauso wie an der Börse nur selten eine gute Lösung.