Fünf Thesen zum Bullenmarkt im Juli 2016

Die kurzen Beine der Politik zeigen sich bereits in deutlich steigenden Aktienkursen. Dies liegt allerdings nicht daran, dass jetzt alles klar ist, sondern hängt wohl eher damit zusammen, dass die Engländer mehr von Verhandlung verstehen als Brüssel.

Boris und Nigel waren noch nicht richtig weg, da tauchte der eine schon an unerwarteter Stelle als Außenminister wieder auf. Vorher hatte das United Kingdom die Unklarheit an der Spitze innerhalb von Tagen beendet und den Termin der Abdankung von Cameron aus dem Oktober auf Vorgestern vorverlegt. Unentschlossenheit sieht anders aus.

Damit ließ es die neue Premierministerin aber nicht bewenden. Sie stellte sich sehr geschickt auf und Europa wird noch merken, wie unangenehm die Verhandlung wird. Großbritannien hat mit einer Pro-Bremain-Premierministerin die Hüterin des Plan B. Der kommt allerdings erst zum tragen, wenn es dem neuen Brexit-Minister im Zusammenspiel mit Boris Johnson nicht gelingt, eine Brexit-Variante zu verhandeln, die für England akzeptabel ist. Und zwischen diesen beiden Varianten werden dann die Europäer zerrieben. Die Absatzwünsche der Deutschen Autoindustrie wurden da schon mal gleich angesprochen und als Verhandlungsmasse vom neuen Brexit-Minister vorgeführt.

Oben drauf erkärte heute noch die Bank von England – anders als vom Markt erwartet – dass sie die Zinsen nicht senken wird. Das führte zu einem scharfen Kursrückgang – der aber nur eine Stunde anhielt. Danach setzte die Börse ihre Bergfahrt fort.

Sie fragen sich, warum das alles passiert und verstehen die Welt nicht mehr? Nachfolgend einige kurze Thesen:

  1. Der Brexit wird verhandelt. Ob die EU die Verhandlung unbeschadet übersteht – oder eben doch noch einknickt – bleibt offen. Der Markt scheint auf Einknicken zu hoffen. Wenn Brüssel so gut verhandelt, wie Rheinland-Pfalz mit den Chinesen über den Verkauf des Flughafens Hahn oder Sigmar Gabriel bei Tengelmann… kein Kommentar.
  2. Die Marketing-Teams der verschiedenen Städte auf dem Kontinent (Paris, Frankfurt, Amsterdam, Berlin), die sich um Institutionen und Arbeitsplätze aus London bewerben, sollten nicht zu viel Geld ausgeben. Es könnte gut sein, dass jetzt schon nichts mehr zu holen ist. Jamie Dimon, der klare Ansagen liebende Chef von JP Morgan meldete heute nicht nur gute Quartalszahlen (die wohl wichtiger für die Börsen weltweit waren als der ganze Brexit) sondern erklärte nebenbei noch schnell, dass er sein europäisches Hauptquartier in London lassen will. Schiff verlassen sieht anders aus.
  3. Die Börsen wurden vom Brexit nur kurz in Atem gehalten. Die Börse redet von der Rettung des Einzelhandels durch Pokemon Go und den Quartalszahlen im Finanzsektor. Alle reden von tiefen Zinsen, aber die US-Banken konnten das Kreditvolumen erheblich steigern und die Kreditausfälle gingen zurück. Hört sich nicht gerade nach Rezession an.
    Und: das weltweite Problem, dass Anleihen als Generatoren sicherer Einnahmen ausgefallen sind, hat sich unerbittlich zurückgemeldet. Die beliebte Strategie 50% Anleihen / 50% Aktien funktioniert nicht mehr. Bei Immobilien werden inzwischen Preise bezahlt, bei denen Sie vor wenigen Jahren noch gesagt hätten: „Verhört.“ Das 35-fache für Altbauwohnungen in Toplagen von Frankfurt gehört sicher dazu. An der Alten Oper in Frankfurt können Sie nichts kaufen, weil keiner verkauft. Aber wenn etwas angeboten würde: unter dem 40-fachen ginge da wohl nichts. 40-fach bedeutet, dass die Bruttorendite einer Immobilie bei 2,5% pro Jahr liegt.
  4. Der Aktienmarkt ist gerade dabei einzupreisen, dass Faktoren von 20+X für weltweit tätige Topfirmen zu tief sind, wenn für immobiles Steingold 40-fach bezahlt wird. Die Faktoren der 80er Jahre kehren zurück. Damals notierten viele Aktien mit Faktoren oberhalb von 30, in Japan mehr als ein halbes Jahrzehnt bei Faktor 100. Keiner konnte es so richtig erklären, gewesen ist es aber trotzdem so – und das bei viel höheren Zinsen als heute.
  5. Es gibt noch einen anderen Grund, warum Aktien interessant sind. Stellen Sie sich vor, dass Sie vor einer Tür stehen, hinter der der Ausgang der heutigen weltweiten Finanzsituation verhandelt wird. Sie wissen nicht was hinter der Tür passiert. Gloom Boom oder Bust – alles ist möglich.
    Natürlich können sie Skulpturen oder andere unbewegliche Anlagen kaufen und darauf setzen, dass in der hinter der Tür möglicherweise stattfindenden Panik alle wichtigeres zu tun haben, als sich um ihre Skulpturen zu sorgen, die deshalb links liegen lassen und Sie Ihr Geld retten.
    Vielleicht macht es aber mehr Sinn auf eingespielte, motivierte Teams in börsennotierten Firmen zu setzen, die schon seit mehreren Generationen erfolgreiche Geschäftsmodelle verfolgen mit denen sie Krisen und Kriege überstanden haben, von deren Wiederkehr wir nicht unbedingt ausgehen sollten. Gute Teams bieten nicht nur die Chance vor der Tür Geld zu verdienen, wenn gar nichts passiert und die Tür sich niemals öffnet. Sie haben auch die Möglichkeit, das zu nutzen, was es für flexible Akteure in großen Krisen immer gibt: große Chancen. [Ich wiederhole mich gern: vergessen Sie nicht, Aktien(fonds) zu kaufen.]

Unsere Positionierung per Vorgestern können Sie aus der nachfolgenden Tabelle entnehmen, den Kursverlauf von Fonds und DAX in den letzten Wochen aus der Grafik oben.
Seit letzter Woche sind wir nicht nur zu fast 80% direkt in Aktien investiert. Zusätzlich halten wir im Gegenwert von 13% des Fondsvolumens Futures durch die wir vom steigenden DAX profitieren.

Ausblick

Wie lange die Bullen weiter rennen, kann niemand sagen. Wir wetten nicht darauf, dass wir das wissen, sondern ziehen unsere Stop-Kurse nach oben nach. Kleine Rückschläge können wir problemlos durchstehen, bei größeren Rücksetzern passen wir unsere Positionierung an und sichern uns durch Futures ab.

Im übrigen sind wir dabei, Neuengagements detailliert zu prüfen, um so schnell wie möglich die Futuresposition teilweise oder ganz durch direkte Aktienengagements zu ersetzen. Prüfenswerte Aktien haben wir bereits genug – kein schlechtes Zeichen für die Börsenlage, es ging uns auch schon ganz anders.
Das passt zwar nicht zur „valuable art of doing nothing“, die wir uns kürzlich für den Sommer vorgenommen hatten, aber wenn es weiter so regnet wie in diesem Sommer scheint Urlaub im Herbst attraktiver zu sein.

Beste Grüße
Georg Oehm