CommodityLehman | On Glencore

Unsere Analyse der im deutschsprachigen Raum auf den ersten Blick nicht so relevanten Rohstoffmärkte begann bereits Anfang August mit Tullow Oil, einer britischen Explorationsgesellschaft, die sich darauf spezialisiert hat, Ölfelder – insbesondere in Afrika – zu entwickeln und dann an die Öl-Majors (Exxon, BP & Co.) weiterzuverkaufen. Die Gesellschaft hatte in der Spitze einen Börsenwert von rund GBP 10 Mrd., ist Mitglied im FTSE100 und zählt zu den reputierlichsten Gesellschaften des Sektors. Anfang August waren die Unternehmensanleihen von Tullow Oil bereits erheblich im Kurs gefallen. Die Analyse führte mich auf die Webseite der Gesellschaft. Dort finden Sie – öffentlich zugänglich – eine Videoaufzeichnung der Analystenkonferenz zu den Halbjahreszahlen.

Der CEO berichtet über das erste Halbjahr. Er ist, wie aus seiner Biografie zu entnehmen ist, auch Unternehmensgründer und CEO seit 30 Jahren. Er erklärte, eine derartige Situation wie im Moment habe er in den letzten 30 Jahren noch nicht erlebt. Die Situation sei so unübersichtlich, dass es nicht möglich sei, irgendwelche strategischen Entscheidungen zu treffen. Die Gesellschaft sei mit einem deutlich gefallenen Ölpreis konfrontiert. In einer so unsicheren Situation gebe es nur eins: „the cuts are fast and deep“. Ziel der Einschnitte in allen Bereichen sei, auch bei US$ 50 noch profitabel zu arbeiten. Der CEO befindet sich nicht auf der Liste der größten Aktionäre. Ein Blick in den Geschäftsbericht verrät allerdings, dass er rund 0,8% der Aktien der Gesellschaft hält. Bei einer Marktkapitalisierung von rund GBP 2 Mrd. Anfang August immerhin ein Wert von fast GBP 20m – und ein Verlust fast 80m seit dem Top! Schauen Sie sich den Webcast an: die Stimmung ist beklemmend – alle
sind hochkonzentriert, aber kein positiver Aspekt ist zu erkennen – wie auf einer Beerdigung.

CommodityLehman heute ist allerdings nicht Tullow, sondern Glencore!

Die größte Macht am Rohstoffmarkt war bisher Glencore. Nachfolgefirma von Marc Rich, geleitet von einem seiner früheren Assistenten. Falls Sie vergessen haben, wer Marc Rich war: 1944 geflohen aus Antwerpen, aufgestiegen zum führenden Partner von Phibro Salomon, der größten Rohstoffhandelsgesellschaft der USA nach dem 2. Weltkrieg, nebenbei auch Muttergesellschaft der viel bekannteren Salomon Brothers. Dann wurde er wieder Flüchtling mit dem höchsten, je von den USA ausgesetzten Kopfgeld. Vorwurf: Trade with the enemy. Marc Rich erfand – zusammen mit seinem legendären Partner Pincus Green – für den Schah den Öl-Spotmarkt und setzte dann – nach dem Umsturz im Iran 1978 – das Geschäft nahtlos mit Khomeini fort. Aufgehoben wurde sein Fall von Bill Clinton. Am letzten Tag im Amt erklärte er einen Pardon für Marc Rich – das können in den USA nur scheidende Präsidenten. Alles weitere in der vor ein paar Jahren in der Schweiz erschienenen, lesenswerten Biografie „King of Oil“.
Noch lesenswerter: Craig Copetas, Marc Rich and the 10 billion Dollar scam. Ein Wallraf-artiges Enthüllungsbuch über Marc Rich aus den späten 80ern. Lange vergriffen, über Amazon erhältlich.

Zurück zu Glencore: Partner der Gesellschaft zierten kürzlich die Titelseiten der Londoner Boulevardpresse. Der Kauf einer Wohnungen für mehr als GBP 40m ist auch in London nicht alltäglich – von Goldman-Partnern ist man das nicht gewohnt. Nach dem Börsengang wurde nach einem erbitterten Übernahmekampf die Minengesellschaft Xstrata übernommen; Schwerpunkte: Kupfer und Kohle – im Moment auch nicht gerade die Renner.

Beim Börsengang erklärte Glencore, man habe ein sicheres Geschäftsmodell, weil die Marktanteile in einzelnen Rohstoffmärkten bei bis zu 50% liegen würden. Zwischenzeitlich stellte sich heraus, dass die Berechnung der Nettoverschuldung des Konzern davon ausgeht, dass der für Handelszwecke gehaltene Rohstoffbestand hoch liquide ist. Seit Monaten wird dies in der englischen Presse allerdings bezweifelt, denn Rohstoffe im Volumen von US$ 20 Mrd. in einer so schwierigen Situation wie derzeit zu verkaufen, dürfte schwierig sein – insbesondere, wenn man selbst der größte Marktteilnehmer ist. Der Druck auf Glencore seit Anfang August wurde so groß, dass die Gesellschaft sich gezwungen sah, im schwierigen Marktumfeld eine Kapitalerhöhung von US$ 2,5 Mrd. durchzuführen in Kombination mit der Erklärung, dass der Handelsbestand an Rohstoffen signifikant reduziert wird. Was vor drei Wochen noch wie ein machbarer Plan erschien, endete heute in einem Scherbengericht: Glencore verlor – allein heute – rund 30% des Börsenwerts – VW lässt grüßen. Der Kurs liegt bei nur noch 67p, nur knapp mehr als ein Zehntel des Preises beim IPO.

Ein Investec-Analyst wird heute von Bloomberg mit der Aussage zitiert, auf dem aktuellen Marktpreisniveau sei der innere Wert der Glencore-Aktien 0,–. Dies deshalb, weil alle Assets nach seiner Kalkulation den Gläubigern gehören und für die Eigentümer nichts übrig bleibt. Investec ist übrigens nicht irgendein Assset-Manager sondern eine führende Gesellschaft in diesem Bereich in Großbritannien mit Wurzeln im Rohstoffkernland Südafrika. Ob die Analyse stimmt, bleibt dahingestellt. Aber Ivan Glasenberg, der CEO von Glencore, ist seit heute jedenfalls kein Milliardär mehr, meldet die Financial Times.

Warum das Ganze?

In der Presse erscheinen erste Berichte, dass Saudi Arabien Aktien im Gegenwert über 70 Mrd. Dollar in den Beständen seines Sovereign-wealth-Fonds liquidiert hat – schwerpunktmäßig im Rohstoffbereich. Dies führe unter anderem auch dazu, dass die Liquidität für Rohstoffhändler sich extrem verknappt habe und die Aktienpreise in den rohstoffabhängigen Emerging-markets extrem gesunken seien. Dass führende Hedgefonds ihr Rohstoff-exposure durch Shorts auf Glencore absichern gibt der Aktie den Rest. Im Ergebnis ein Double-Dip für die Scheichs: gefallene Rohstofferlöse und gefallene Werte ihrer Kapitalanlagen gleichzeitig. Kein Cocktail, aus dem die Träume für Aktienanleger gemischt werden. Dann noch Tote in Mekka, der Aufstieg des Iran durch den Deal mit den USA und IS in Lauerstellung: Perfect-storm für die saudischen Erben von Laurence von Arabien. Aber es gilt auch: Der Untergang des Einen ist die Basis für den Aufstieg eines Anderen – wer, werden wir sehen. Europa ist es
leider nicht.

Panik wie bei Lehman?

Stand heute sieht die Situation signifikant anders aus, als 2008. Die Krise in 2008 war systemisch, denn sie betraf den Fortbestand von Eigentumsrechten: „Ist das Geld noch sicher?“ Das ist derzeit (noch) kein Thema. Im Moment sieht es eher danach aus, dass in einzelnen Märkten scharfe Korrekturen stattfinden und generell Wachstumserwartungen zurückgenommen werden. Daraus resultiert, dass viele Aktien sich in das sogenannte „Bear-market-Territorium“ begeben haben (Kursverlust vom letzten Hoch mehr als 20%).

Der August war bereits schwierig, der September steht dem nicht nach. Viele Börsenabstürze kulminierten im Oktober. Wann genau der Tiefpunkt ist, kann natürlich niemand sagen, aber derzeit gilt weiterhin „fasten seatbelt“.

Die Mellinckrodt SICAV ist hoch kursgesichert und hält weiter viel Kasse.

Vielleicht ist es aber auch so, dass die Tiefs schneller hinter uns liegen als die meisten glauben. Wir bleiben wachsam!